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Die Spiritualität des Heiligen Philipp Neri

Mittelpunkt und Herzstück der Spiritualität Philipps ist sein Pfingsterlebnis. Es war die Grunderfahrung, die sein ganzes Leben geprägt und getragen hat. Philipp selber deutete sein Pfingsterlebnis als eine Erfahrung der Liebe Gottes. Zuweilen hörte man den Heiligen sagen: “Vulneratio caritatis sum“ - mich hat die Liebe verwundet.

Diese Liebe, dieses Feuer, drängte nach außen. Da waren die vielen Kranken, die durch den körperlichen Kontakt mit ihm gesund wurden. Da gibt es die vielen Beispiele der seelisch Kranken und der von Versuchungen geplagten Beichtkinder, die Philipp an sich drückte und durch das innere Feuer seines Herzens heilen ließ. Philipp ist ein lebendiges Zeugnis der machtvollen Gegenwart des Gottesgeistes mitten in der verdorbenen Welt der Renaissance. Wer Philipp beim Beten und bei der Feier der Eucharistie erlebt hatte, wusste Tieferes als jede Theorie über das “geistliche Leben“ lehren kann.

“Liebe“ ist das Herzwort der Spiritualität Philipps. Von der Erfahrung der Liebe Christi, die gerade in seiner Passion sichtbar wird, ist Philipp nie losgekommen. “Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat,“ schreibt schon Johannes in seinem Evangelium (Joh 3,16), und die Gewissheit dieser Liebe durchströmte das ganze Leben Philipps. So fesselt ihn z.B. das Bild des Gekreuzigten im Vorlesungssaal dermaßen, dass er der Vorlesung nicht mehr folgen kann.

Die Erfahrung der Liebe Gottes weckt und fordert unsere Antwort. Philipp wiederholte oft: “Was nottut, ist, sich ganz Gott hinzugeben. Wer etwas anderes will als Christus, weiß nicht, was er will“. Hier wird eine ganz natürliche Ausrichtung auf Christus, den Herrn, deutlich, die das ganze Leben Philipps prägt. Philipp ist aber weit entfernt von jedem Rigorismus. Es ist ein Grundsatz der Spiritualität Philipps, auf das Positive, auf die Gnade zu vertrauen. Er verwirft nicht die unsinnige Mode oder den übertriebenen Reichtum. Er verbietet nicht die üppigen Auswüchse der damaligen Zeit. Er hält keine flammenden Drohreden und Strafpredigten. Er vertraut auf die Liebe Gottes, die in den Menschen von selber wirksam wird wie ein Feuer oder ein Samenkorn - am Anfang unscheinbar und verborgen, aber doch schon im Keimen. Seinen Mitbrüdern rät Philipp, den Sündern mit Liebe zu begegnen: “Gebt euch immer Mühe, sie mit Freundlichkeit und Liebe für Christus zu gewinnen, habt für ihre Schwächen soviel Verständnis wie eben möglich, bemüht euch ganz besonders, ihnen jene Liebe Gottes nahe zu bringen, die allein Großes vollbringen kann.“

Der heilige Philipp und das Gebet

Wenn man das Leben des heiligen Philipp Neri betrachtet, ist es kein Wunder, dass er zu einem großen Meister des geistlichen Lebens und vor allem des Gebetes geworden ist. Den Namen “Oratorium“ nimmt Philipp zwar von dem Ort, dem Raum, wo die erste Kommunität betete; aber der Name trifft auch das Wesen dieser Gemeinschaft: ihr Auftrag ist das Gebet.

Gebet ist allerdings in der Weite des Begriffes zu verstehen: Leben in der liebenden Gegenwart Gottes. Bacci, ein Schüler Philipps, sagt: “Philipp hatte das Gebet so gern, dass alle Übungen, die er im Oratorium ins Leben rief, nur dieses eine Ziel hatten. Und es führte ihn auch dazu, den Namen der Kongregation als ‘Oratorium‘ zu bezeichnen“.

Wie immer, ist Philipp auch beim Beten ein Meister vor allem durch sein Beispiel. In vielen Worten, die wir von ihm über das Beten hören, begegnet uns das Befreiende und Natürliche der Art Philipps. Er befreit vom Zwang der Gebete als Pflichtübungen, von den langen mündlichen Gebeten. Auch hier zeigt Philipp, dass man mitten in der Welt beten kann und soll.

Darum lehrt er vor allem die sogenannten Stoß- oder Pfeilgebete, die man in jeder Lebenslage zu Gott hinschicken soll. Wenn man sich diese Gebetsrufe ansieht, bemerkt man zunächst nichts großartig Neues. Ja man kann sagen, dass Philipp Gebete wie das Ave Maria geradezu komprimiert und auf den Kern reduziert hat. Es lautet bei Philipp: “Jungfrau Maria, Mutter Gottes, bitte Jesus für mich“. Er hat selbst einen Rosenkranz mit 63 Anrufungen “erfunden“. Sein Beten ist wie eine Verdichtung auf das Wesentliche, ja sogar auf Namen – den Namen Jesu: “Jesus, sei mir Jesus“ und den Namen Mariens. Oft wiederholt er sie. Ihr Vorbild hat diese Art zu beten im Gebet der Einsiedler in der Wüste und der Mönche. Schon Lukas hatte über diese “Methode“ zu beten und zu betrachten berichtet, dass Maria “all diese Worte in ihrem Herzen bewegte“. Philipp wollte nicht, dass man nach dem Gebet erschöpft und überdrüssig ist, sondern Beten sollte einen froh machen und immer wieder anziehen. Deshalb liebte er auch die kurzen Stoßgebete und Anrufungen. “Nichts“, sagte er, “hilft einem Menschen mehr als das Gebet“. “Damit man sich nicht ermüdet, soll man oft am Tag sein Herz zu Gott erheben, und zwar mit einem Stoßgebet“.

Im Grunde ist Beten ja das Sich-Gott-Anvertrauen, ja das Sich-Gott-in-die-Arme-Werfen des Kindes: “Um zu lernen, gut zu beten, gibt es als vorzügliches Mittel das ‘Sich-Verdemütigen‘ und das Wissen um die eigene Unwürdigkeit eines so großen Geschenkes. Man muss sich ganz und gar dem Herrn in die Arme werfen, damit Er uns das Beten lehre“. “Der Heilige Geist ist der Lehrer des Gebetes. Er verleiht uns, in ständigem Frieden und ständiger Freude zu leben, die ein Vorgeschmack des Paradieses sind“.

Die Art, wie Philipp betete und besonders einfache Leute das Beten lehrte, weist vor allem zurück auf das Evangelium und die Väter. So lehrt er die Betrachtung durch das langsame Beten des Vaterunsers: Bitte für Bitte - jede einzelne Bitte in ruhiger und hingegebener Betrachtung.

Philipp hält nichts von einem System oder einer Methode. Im Gegenteil: Er mahnt die Priester, ihre “Beichtkinder“ nicht auf den eigenen Weg festzulegen, sondern ihnen Freiheit zu lassen. Ist doch der Heilige Geist selber der beste Lehrmeister des Betens.

Gerade von Philipps Spiritualität muss man sagen, dass sie den ganzen Menschen angeht. Ihr Ort ist das Herz, womit der biblische Begriff gemeint ist, also die Mitte der Person, die Stelle, wo der Mensch ganz er selber ist, wo Gott ihn anruft, wo der Mensch sich hingibt. Philipp sagt: “Um gut zu beten, braucht es den ganzen Menschen“. “Unserem Verstand erschließt sich Gottes Geheimnis nicht“. “Die Weisheit der Heiligen Schrift erlernt man mehr durch Beten als durch Studieren.“ Von Anfang an haben alle Vorträge im Oratorium das Ziel, das Herz des Zuhörers zu wecken und zu treffen, zum Beten anzuregen und zur tätigen Liebe Mut zu machen.

Wer nicht betet, kennt Gott nicht. Nichts hilft dem Menschen mehr als das Gebet.

Wegen Ablenkungen oder Nervosität dürfen wir das Gebet nicht verlassen, selbst wenn es sinnlos erscheint fortzufahren. Denn der, der in seiner gewohnten Gebetszeit voll ausharrt und seinen Geist immer wieder liebenswürdig zum Gegenstand seines Gebetes zurückruft, wird viel gewinnen.

Ohne das Gebet wird es niemand lange im geistlichen Leben aushalten. Daher müssen wir täglich auf dieses kraftvollen Mittel der Rettung zurückgreifen.

Wir dürfen unser Beten und Bitten nicht aufgeben, weil wir nicht sofort all das erhalten, worum wir gebeten heben.

Wer nicht in der Lage ist, lange im Gebet auszuhalten, der sollte seinen Geist durch Stoßgebete zum Herrn erheben. Um den Geist des Gebetes zu fördern gibt es nichts besseres, als geistliche Bücher zu lesen.

Es ist ein alter Brauch derer, die Gott dienen, stets einige kleine Gebete bereitzuhalten, die sie während des Tages häufig wie Pfeile zu Gott emporschicken. So erheben sie ihren Geist aus dem Schmutz dieser Welt zu Gott. Wer diesen Rat annimmt, wird mit wenig Mühe große Frucht daraus erlangen.

Es ist nicht gut, sich mit geistlichen Übungen zu überlasten. Besser ist es, weniges durchzuhalten. Denn wenn der Teufel uns schließlich dazu gebracht hat, eine Übung auszulassen, dann bringt er es ganz leicht fertig, uns ein zweites und ein drittes Mal zu überreden, bis am Ende alle unsere frommen Übungen dahinschmelzen.