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Die Kongregation entsteht

Schließlich gingen Baronius, Giovanni Francesco Bordini und Alessandro Fedeli, die alle durch eine Sonderdispens des Papstes zwischen Mai und September des Jahres 1564 geweiht worden waren, dorthin. Nur drei Jahre später zählte die Gemeinschaft von San Giovanni schon 18 Mitglieder, die eine enge Verbindung zu San Girolamo unterhielten. Morgens kamen sie alle zur täglichen Beichte zu Philipp, und vier von ihnen kehrten nachmittags zur Versammlung des Oratoriums abermals nach San Girolamo zurück.

Da die für sie bestimmte Unterkunft bald nicht mehr groß genug war, um alle zu beherbergen, wurde in der Nähe ein weiteres Haus gemietet. Schon 1568 fand sich in der Gemeinschaft Francesco Maria Tarugi, später Erzbischof von Avignon und Kardinal. Er wurde nach kurzer Zeit zum Bezugspunkt für die anderen, da er der älteste der Gruppe war und ihm von Philipp die größte Hochachtung entgegengebracht wurde. Philipp seinerseits wurde von allen als ihr Haupt anerkannt, dem man Gehorsam schuldete. Ansonsten unterschied sich ihre Lebensweise nicht wesentlich von derjenigen in San Girolamo. Die Priester trugen, je nach ihren Einkünften, zum Unterhalt der Gemeinschaft bei; sie nahmen jedoch hier, anders als in San Girolamo, ihre Mahlzeiten gemeinsam ein. Niemand war sich zu schade, Hausarbeiten wie Putzen oder Küchendienst zu verrichten. Baronius schmückte sich sogar mit dem Titel “Coquus perpetuus“ (ewiger Koch) und schrieb ihn mit Kohle auf den Rauchfang der Feuerstätte.

1574 bauten die Florentiner, stolz auf ihre Priester, die mit ihrem Eifer San Giovanni inzwischen zu einem wichtigen religiösen Zentrum Roms gemacht hatten, ein Haus, um die immer größer werdende Zahl von Personen zu beherbergen, die zu den Übungen des Oratoriums strömten.

Philipp aber wünschte sich endlich eine Kirche ganz für seine Zwecke. Tarugi trug nicht wenig zum Gelingen dieses Planes bei, indem er dem Papst persönlich das Gesuch Philipps überreichte. Schließlich wurden alle Erwartungen übertroffen, als Papst Gregor XIII. (1572-1585) am 15. Juli des heiligen Jahres 1575 an Philipp die Bulle “Copiosus in misericordia Dominus“ sandte, mit der er ihm nicht nur die Pfarrkirche von San Maria in Vallicella übertrug, sondern auch die Gemeinschaft der Weltpriester, die sich um ihn gebildet hatte, formell als “Kongregation des Oratoriums“ anerkannte.

Es war eine Gemeinschaft, die sich von den übrigen in dieser Zeit nach dem Konzil von Trient anerkannten abhob und die völlig durch die Person des “Vater Philipp“, wie ihn inzwischen alle nannten, geprägt war. Sie spiegelte mehr das gemeinschaftliche Leben der Kleriker des Hochmittelalters wieder, die als Kanoniker zusammenlebten, als etwa das Leben einer Ordensgemeinschaft, wie es heute verstanden wird. Philipp hatte nie daran gedacht, eine neue Kongregation zu gründen. Es existierte schon eine große Anzahl verschiedener Formen geweihten  Lebens: die alten Mönchsorden, die Bettelorden, die Predigerorden und die neuen religiösen Familien. Für den, der nach dem Rat Jesu in Armut, Gehor­sam und Ehelosigkeit leben wollte, gab es keine andere Schwierigkeit als die, unter den vielen Möglichkeiten die richtige Wahl zu treffen.

Philipp bewies sein großes Vertrauen und seinen Gehorsam gegenüber dem Willen des Papstes, indem er sämtliche seiner Verfügungen akzeptierte, denn er sah ihn als Instrument eines weit höheren Willens. Vielleicht erkannte er auch, dass seine Erfahrungen nur so durch die Zeit weitergegeben werden konnten, auch wenn sich durch Regeln nicht dieselbe Atmosphäre schaffen lässt, wie sie um Philipp herrschte. Hier liegt wohl die Schwierigkeit des Übergangs von einer glücklichen Eingebung zu einer Einrichtung.

Und doch hatte die Kurie, die päpstliche Behörde, das Wesentliche der oratorianischen Gemeinschaft erfasst. Die Priester werden auf den Titel der Gemeinschaft (“mensa commune“) geweiht, d.h. Philipp ist für sie verantwortlich wie ein Superior, aber sie legen keine Gelübde ab wie andere Ordensleute. Das Ziel ihres Lebens in Gemeinschaft ist es, im Dienst des Oratoriums zu stehen. Erst 1588 verfasste die Gemeinschaft ein Regelwerk, die Konstitutionen. Hierzu wurde sie vermutlich durch die Probleme in der Beziehung zu den Tochterhäusern von San Severino und Neapel genötigt. Nach internen Beratungen, die sich über drei Jahrzehnte hinzogen und zu Korrekturen und Änderungen führten, wurden im Februar 1612 durch die Mitglieder des Oratoriums und durch Vermittlung von Kardinal Bellarmin die Konstitutionen definitiv angenommen und mit dem feierlichen Breve “Christifidelium quorumlibet“ Papst Pauls V. (1605-1621) bestätigt. Es waren zum größten Teil schon Oratorianer der zweiten Generation, die diese Konstitutionen beschlossen, denn außer Philipp waren auch weitere wichtige Personen wie Baronius und Tarugi verstorben.