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Die Anfänge des Oratoriums

Diese einfachen und informellen Zusammenkünfte Philipps mit jungen Leuten wurden mit der Zeit häufiger und führten schließlich zur Bildung einer Gruppe, die den Beginn des Oratoriums darstellt. Es waren Treffen, bei denen man über die “Verachtung der Welt, die Schönheit der Tugend und den Lohn des Guten“ sprach. Es wurden geistliche Bücher gelesen, wozu jeder spontane Kommentare geben konnte. Philipp wollte für diese Treffen keine festen Regeln. Alles sollte geprägt sein von Spontaneität und Einfachheit. Jeder, der daran teilnahm, sollte sich wohlfühlen können in einer Atmosphäre von Freundschaft und Zuneigung und verbunden im gemeinsamen Bemühen, immer “besser“ zu werden.

Wegen des beachtlichen Zustroms von Teilnehmern sah sieh Philipp gezwungen, die Zusammenkünfte zu verlegen - zunächst in den Dachraum über der Kirche, der für die Lagerung des Getreides bestimmt war, und schließlich in die Kirche selbst. Außerdem brauchte das Oratorium schließlich doch eine gewisse Ordnung.

Es gibt darüber folgenden Bericht des Baronius: “Am Nachmittag versammelte man sieh zunächst zum stillen Gebet, dann folgte eine fromme Lesung, die meist Philipp durch eingestreute Bemerkungen erläuterte. Zuweilen wurde auch einer der Anwesenden gebeten, seine Ansicht zu sagen. Dieses Gespräch wurde etwa eine Stunde lang fortgeführt. Es folgten dann drei halbstündige Vorträge, und die Versammlung schloss mit Gesang und einem kurzen Gebet. Eine weitere halbe Stunde diente abermals der Lektüre eines Buches und der Verrichtung verschiedener Gebete.“

Auch jetzt war Philipp noch darum bemüht, dass vom Kardinal bis zum Kaufmann, vom Jüngsten bis zum Ältesten, Gebildete und Ungebildete, sich alle ohne Befangenheit wohlfühlten. Triebfedern der Versammlungen waren die Laien und die jungen Leute. Die Beiträge Philipps waren immer kurz und zurückhaltend. Er sprach nie von oben, “von der Kanzel“ herab.

Diese Treffen waren sicher von seinem Charisma geprägt, auch wenn inzwischen erste Gefährten als Priester gänzlich im Dienste des Oratoriums beschäftigt waren. Sie sollten später in der Lage sein, es fortzuführen. Zurecht hat Cistellini, ein Biograph Philipps aus unserem Jahrhundert, angemerkt, dass “der das Gefühl ansprechende und familiäre Stil der geistlichen Gespräche im Oratorium nur scheinbar leicht von der Hand geht. Er erfordert eine gute Ausdrucksweise, ein ungezwungenes Sprechen und eine ständige Wachsamkeit, nicht ins Banale oder gar Groteske abzugleiten“. Diese Fähigkeiten hat sicher nicht jeder, so dass es schon zu Lebzeiten Philipps schwer war, fähige Leute für diese Aufgabe zu gewinnen. Doch fanden sich glücklicherweise aus dem Kreis derer, die zu diesen Zusammenkünften kamen, immer wieder geeignete Personen.

Philipp hatte noch eine weitere originelle Idee. 1552 begann er, mit seinen Freunden alle Hauptkirchen Roms an einem Tag zu besuchen: den Petersdom, San Giovanni im Lateran, Santa Maria Maggiore, Sankt Paul vor den Mauern, San Lorenzo, Santa Croce und San Sebastiano. Diese Wallfahrt bot Gelegenheit zu einer Mischung aus Gebet und Erholung. Man betete in den Kirchen, und dann wurde gewöhnlich im Garten der Villa Mattei (heute dieVilla Celimontana) zu Mittag gegessen. Nach dem Essen wurde das “Oratorium“ im Freien abgehalten. Diese Wallfahrten fanden normalerweise mehrmals im Jahr statt, eine davon aber immer am Donnerstag vor Karneval, um eine geistliche Alternative zu den sonst üblichen Ausschweifungen dieser Tage anzubieten. In den ersten Jahren kamen etwa 30 Leute. Später wurde die Unternehmung so populär, dass kurz vor Philipps Tod etwa 2000 Personen teilnahmen, darunter auch hohe kirchliche Würdenträger.

Auf einer dieser Wallfahrten ereignete sich im Jahre 1563 die für beide Seiten bedeutende Begegnung zwischen Philipp und dem jungen Karl Borromäus. Aus diesem Zusammentreffen erwuchs eine enge Freundschaft und gegenseitige Hochachtung. Philipp Neri war es, der den Freund dazu bewegte, Bischof von Mailand zu werden. Er war überzeugt davon, dass diese große Diözese einen heilig mäßigen Bischof brauchte, der in der Lage war, die Reformen des Trienter Konzils durchzuführen.

Philipp war im Jahre 1564 auf Drängen der einflussreichen florentinischen Gemeinde zum verantwortlichen Priester an der Kirche San Giovanni geworden Diese Kirche, die auch den Beinamen dei fiorentini tragt, diente seit 1519 auf Anordnung von Papst Leo X. (1513-1521) als Pfarrkirche der Florentiner. Das Zögern und der Widerstand Philipps, dieses Amt anzunehmen, waren wohl begründet durch Intrigen und Streitigkeiten innerhalb dieser Gemeinde, die mit der politischen Situation der Stadt Florenz nach der Rückkehr der Medici an die Macht zusammenhingen. Außerdem hatte sich Philipp immer dagegen gewehrt, von anderen abhängig zu sein, und scheute deshalb um so mehr die Abhängigkeit von einer solch einflussreichem Gruppierung Roms. Er musste schließlich nachgeben, da - anders als er wohl gehofft hatte - alle seine Bedingungen akzeptiert wurden, auch wenn sie sich gegen die Statuten der florentinischen Gemeinde richteten. Vor allem hatte er Freiheit der Wohnungswahl verlangt, so dass er weiterhin bei San  Girolamo wohnen bleiben konnte; dann die Entlassung sämtlicher Priester, die zuvor in San  Giovanni tätig gewesen waren, und die Übertragung der Pfarrseelsorge an seine eigenen Priester.