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Der engagierte Laie

In Rom fand er bald Aufnahme in die Volksgruppe der Florentiner, die dort eine eigene Gemeinde hatte. Zahlreiche Prälaten, Akademiker, Händler und Kaufleute gehörten zu ihr, so dass sie beachtlichen Einfluss in der Stadt hatte. Philipps offene und heitere An ließ ihn die Sympathie aller gewinnen.

Die ersten Notizen über Philipp erwähnen ihn als Gast bei dem Florentiner Galeotto Caccia, dem Leiter des päpstlichen Zolls, der dem jungen “Landsmann“ als Gegenleistung für die Erziehung seiner Kinder Unterkunft und Verpflegung gewährte. Philipp gab sich mit wenigem zufrieden: Ein Zimmerchen über dem Zoll war seine ganze Wohnung und eine zwischen zwei Wänden aufgespannte Kordel diente ihm als Kleiderschrank und Wäscheleine. Seine Mahlzeiten bestanden - wie wir von der Dienerin Caccias wissen - aus “Brot und Oliven, Oliven und Brot“, die er fast immer im Hof neben dem Brunnen verzehrte. Er war frei, seinen Tag ohne Stundenpläne und vorgefertigte Programme nach seinem Willen zu gestalten.

Wohl besuchte er zu dieser Zeit einige Kurse der Theologie und Philosophie an der Sapienza-Universität, die er aber nach ein paar Jahren wieder aufgab, um sich ganz den Menschen auf den Straßen Roms zu widmen. Dabei bedachte er alle, die er unterwegs traf, mit einem fröhlichen Gruß, begleitet von einer guten Ermahnung. Außerdem besuchte er die Kranken in den Hospitälern, um ihnen beizustehen und zu helfen.

Viel Zeit widmete Philipp dem Gebet. Große Freude bereiteten ihm die liturgischen Feiern, besonders in den Ordenskirchen, weil sie dort mit besonderer Sorgfalt und Andacht gefeiert wurden. Er ging regelmäßig dorthin, oft in Begleitung anderer, die er dafür begeistert hatte. Der häufige Empfang der Sakramente der Beichte und der Eucharistie sowie die Betrachtung bildeten die Quelle, aus der er Kraft und Anregungen für sein geistliches Leben schöpfte.

Philipp ging zum Gebet oft in die Katakomben, die Begräbnisstätten der ersten Christen und vieler Heiligen. Lange Stunden und ganze Nächte betete er vor allem in den Sebastianskatakomben. Auch am Pfingstfest 1544 betete er wieder dort, als etwas geschah, worüber sein ältester Biograph Gallonio schreibt: “Als er nun eines Tages im Jahre 1544 wieder voller Hingabe betete, spürte er plötzlich in seinem Herzen einen solchen Sturm der überwältigend großen Liebe des Heiligen Geistes, dass ihm das Herz in der Brust so heftig aufsprang, dass man es auch äußerlich wahrnehmen konnte. Es schien, als wolle es den von Natur aus schweren Körper in die Höhe zum Himmel reißen.“ Philipp sah eine feurige Kugel in seinen Mund eindringen und spürte dann, wie sich seine Brust über dem Herzen ausweitete. So stark war dieses innere Feuer, dass Philipp sich zur Erde warf und rief: “Genug, Herr, genug; ich kann nicht mehr ertragen.“ Philipp wurde von einer unbändigen Freude erfasst, einer Freude, die ganz aus der Gottesliebe kam.

Dieses Erlebnis hatte auch körperliche Auswirkungen. Zeitgenossen berichteten, dass, wenn er betete oder auch nur an göttliche Dinge dachte, das heftige Pochen seines Herzens den ganzen Körper und alle Dinge in seiner Umgebung erzittern ließ. Auch ging von Philipp seither eine seltsame Glut aus. Selbst im Winter sah man ihn deshalb mit geöffneter Soutane über die Straße gehen. Diese innere Glut teilte sich besonders den Menschen mit, die bei Philipp zur Beichte gingen und die er manchmal an sich zog und ans Herz drückte. Philipp war von Gott in einer einzigartigen Weise gezeichnet worden. Die Arzte untersuchten nach seinem Tod die faustgroße Schwellung über seinem Herzen. Sie fanden heraus, dass Philipps Herz dermaßen vergrößert war, dass auf der Herzseite zwei Rippen gebrochen waren, um diese Vergrößerung zu ermöglichen.

Die Erfahrung der Liebe Gottes, die ihm in “seinem Pfingsten“ zuteil geworden war, brachte ihn jedoch nicht dazu, die Welt zu verlassen, sondern drängte ihn um so mehr zu den Menschen.

Er fuhr fort, die Kranken zu besuchen und zu pflegen, die im Hospital von San Giacomo der Obhut der “Confraternita della Carita“ anvertraut waren. Dies war eine Gruppe aus frommen Laien und engagierten Priestern, die in der Welt ein Leben wie Ordensleute führen wollten, mit der Verpflichtung zur Geheimhaltung, damit die Anhänger nicht erkannt würden und keiner von ihnen sich etwas einbildete auf das Gute, das von ihm persönlich oder von der Gemeinschaft bewirkt wurde.

Der Bruderschaft war nach dem Weggang der Franziskaner Haus und Kirche von “San Girolamo della Carità“ überlassen worden mit der Verpflichtung, dort weiterhin Gottesdienst zu feiern. Die Priester, die dort wohnten, durften weder Orden noch Kongregationen angehören. In kurzer Zeit hatte sich so eine Gruppe von Priestern gebildet, die jedoch keinen Superior hatten. Sie waren weder zum gemeinsamen Stundengebet verpflichtet noch mussten sie die Mahlzeiten zusammen einnehmen. Jeder von ihnen bekam für seinen Dienst an der Kirche von der Bruderschaft eine bescheidene monatliche Zuwendung und zwei Zimmer als Unterkunft. Ansonsten waren sie frei, ihre Arbeit ‘so zu organisieren, wie es ihnen am besten schien.

Der Besuch in den Hospitälern und der Dienst an den Kranken blieb für Philipp zeitlebens ein wichtiger Bestandteil praktischer Nächstenliebe, und er verstand es auch, andere für diesen Dienst zu begeistern. Camillus von Lellis, ein langjähriger Schüler Philipps, gründete 1583 angesteckt durch das Beispiel Philipps den Orden der “Diener der Kranken“. Die “Kamillianer“ bewährten sich immer wieder unter Einsatz ihres eigenen Lebens im Dienst an ihren Nächsten, besonders bei Pestepidemien. Sie setzen sich an den Brennpunkten der Not für bessere medizinische und hygienische Verhältnisse ein und betreuen bis heute Kranke und Sterbende.

Im Spital von San Giacomo hatte Philipp auch Persiano Rosa‚ kennen gelernt, der später einer seiner engsten Freunde und sein Beichtvater werden sollte. Mit ihm zusammen gründete er 1548 die “Confraternita della Trinita dei Pellegrini“ (Bruderschaft der Heiligen Dreifaltigkeit für die Pilger). Wie die alten mittelalterlichen Gemeinschaften setzte sich auch diese zum Ziel, diejenigen zu beherbergen und zu unterstützen, die auf Pilgerschaft nach Rom kamen und in Not waren.

In diese Zeit fällt auch die Begegnung zwischen dem jungen Philipp und Ignatius von Loyola, dem Gründer der Jesuiten, und dessen Gefährten Franz Xaver, dem großen Missionar Indiens und des Fernen Ostens. Es sieht so aus, als habe Philipp geschwankt, sich ihrer Gruppe anzuschließen. Sicher ist jedenfalls, dass er seitdem die besten Beziehungen zu den Jesuiten unterhielt. Die Briefe, die die Missionare nach Rom schickten, wurden zum Gegenstand der geistlichen Lektüre für die Schüler Philipps.

Obwohl es Philipp zu noch größerer und vollkommener Hingabe drängte, blieb in ihm der Geist der Unabhängigkeit wirksam, “eine beharrliche Abneigung dagegen, irgendeinem religiösen Orden anzugehören“, wie es einer seiner Biographen ausdrückt.

Diese Jahre seines Lebens sind gekennzeichnet von der Freude an der Einsamkeit, der Freiheit ohne Verpflichtungen und der Unabhängigkeit, die ihm durch seine Anspruchslosigkeit ermöglicht wurde.